Die Illusion des Fortschritts: Warum 98 % der Nachhaltigkeitsversprechen für Fleisch und Milchprodukte Greenwashing sind

8

Die globale Fleisch- und Milchindustrie steht unter starkem Druck, ihren ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Eine aktuelle Studie legt jedoch nahe, dass es bei der Reaktion der Branche weniger um die ökologische Transformation als vielmehr um strategische Öffentlichkeitsarbeit geht. Eine Analyse der weltweit größten Tierhaltungskonzerne zeigt, dass fast alle ihre Nachhaltigkeitsaussagen in die Kategorie Greenwashing fallen.

Das Ausmaß des Problems

Die Tierhaltung ist einer der Haupttreiber der Klimakrise und verursacht mindestens 16,5 % aller globalen Treibhausgasemissionen. Da die öffentliche Kontrolle über die Umweltauswirkungen von Ernährung und Landwirtschaft immer intensiver wird, haben große Unternehmen mit einer Welle von Nachhaltigkeitsversprechen reagiert.

Um festzustellen, ob diese Versprechen substanziell oder lediglich performativ waren, führten Forscher unter der Leitung von Jennifer Jacquet von der University of Miami eine strenge Prüfung durch. Zwischen 2021 und 2024 analysierte das Team die Nachhaltigkeitsberichte und öffentlich zugänglichen Websites von 33 der weltweit größten Fleisch- und Milchkonzerne.

Täuschende Behauptungen und fehlende Beweise

Die Studie analysierte 1.233 einzelne Umweltaussagen dieser Unternehmen. Die Ergebnisse waren eindeutig:
98 % der Behauptungen könnten als Greenwashing eingestuft werden – irreführende oder irreführende Aussagen, die ein umweltfreundliches Image vermitteln sollen.
Zwei Drittel aller Aussagen enthielten keine Belege, die belegen würden, dass sie erfüllt waren.
Nur drei Behauptungen im gesamten Datensatz wurden durch von Experten begutachtete wissenschaftliche Literatur gestützt.

Die Untersuchung verdeutlicht eine gängige Taktik: Unternehmen machen oft vage, langfristige Versprechen über künftige Klimaverpflichtungen, ohne einen konkreten, umsetzbaren Fahrplan für deren Umsetzung vorzulegen.

Große Versprechen vs. mikroskopische Aktionen

Es besteht eine erhebliche Diskrepanz zwischen den von diesen Unternehmen gesetzten „Netto-Null“-Zielen und ihren tatsächlichen betrieblichen Veränderungen. Während sich 17 der 33 bewerteten Unternehmen verpflichtet haben, Netto-Null-Emissionen zu erreichen, spiegeln ihre Strategien die der Industrie für fossile Brennstoffe wider: Sie verlassen sich stark auf Kohlenstoffkompensationen und nicht auf die tatsächliche Reduzierung der Emissionen an der Quelle.

Wenn Unternehmen bestimmte „grüne“ Initiativen hervorheben, ist der Umfang dieser Maßnahmen im Vergleich zu ihrer gesamten Geschäftspräsenz oft vernachlässigbar:
Regenerative Landwirtschaft: Ein Unternehmen förderte ein Pilotprojekt zur regenerativen Landwirtschaft, an dem nur 24 landwirtschaftliche Betriebe beteiligt waren – lediglich 0,0019 % seiner gesamten weltweiten Aktivitäten.
Verpackungsoptimierungen: Andere Unternehmen kündigten kleinere Anpassungen an, wie z. B. die Reduzierung der Breite des Wurstverpackungsbandes um nur 3 Millimeter.

Warum sich die Branche echten Veränderungen widersetzt

Experten vermuten, dass dieses Muster der „Fensterdekoration“ durch systemische Anreize getrieben wird. Da große Unternehmen innerhalb von Marktnormen agieren, bei denen das Wachstum im Vordergrund steht, stehen sie vor einem Konflikt zwischen ökologischer Notwendigkeit und Gewinnerhaltung.

„Angesichts der Macht großer Unternehmen … führt dies zu Anreizen, zu viel zu versprechen, fortschrittlicher zu wirken als sie sind und sich für den Status quo einzusetzen“, bemerkt Tim Benton von der University of Leeds.

Dieses Phänomen schafft eine Landschaft, in der Fehlinformationen als Instrument zum Schutz von Geschäftsmodellen eingesetzt werden. Ähnlich wie die historischen Taktiken der Tabak- und fossilen Brennstoffindustrie scheinen auch die Fleisch- und Milchsektoren „Spin“ zu nutzen, um die grundlegenden Veränderungen zu verzögern, die zur Eindämmung des Klimawandels erforderlich sind.


Schlussfolgerung
Die Studie zeigt, dass die überwiegende Mehrheit der Nachhaltigkeitsaussagen in der Fleisch- und Milchindustrie darauf abzielt, die öffentliche Wahrnehmung zu steuern und nicht die Auswirkungen auf die Umwelt zu reduzieren. Ohne fundierte wissenschaftliche Unterstützung und groß angelegte betriebliche Veränderungen lenken diese Unternehmenszusagen weiterhin von der dringenden Notwendigkeit tatsächlicher Emissionsreduzierungen ab.