Die Entdeckung, dass der Mensch weitaus weniger Gene besitzt als zunächst angenommen – etwa 20.000 –, löste eine Revolution in der Biologie aus. Diese Erkenntnis, die Anfang der 2000er Jahre mit dem Abschluss des Humangenomprojekts verfestigt wurde, zwang Wissenschaftler dazu, nach alternativen Mechanismen zu suchen, um die Komplexität lebender Organismen zu erklären. Epigenetik erwies sich als entscheidende Antwort.
Was ist Epigenetik?
Epigenetik beschreibt, wie Moleküle mit DNA und RNA interagieren, um die Genaktivität zu steuern, ohne den genetischen Code selbst zu verändern. Stellen Sie sich zwei identische Zellen vor: Unterschiedliche epigenetische Marker können radikal unterschiedliche Verhaltensweisen diktieren. Das bedeutet, dass Umwelt, Ernährung, Stress und andere externe Faktoren einen direkten Einfluss darauf haben können, wie Gene exprimiert werden.
Der Evolutionssprung
Die Epigenetik führt eine neue Dimension der Evolution ein. Anstatt sich ausschließlich auf zufällige genetische Mutationen zu verlassen, können sich Organismen schneller anpassen, indem sie die Genexpression durch epigenetische Veränderungen verändern. Eine Studie mit Hefe aus dem Jahr 2019 hat dies eindrücklich gezeigt: Wenn Hefezellen Toxinen ausgesetzt wurden, überlebten Hefezellen, die ein gefährdetes Gen epigenetisch zum Schweigen brachten, und nachfolgende Generationen entwickelten dann genetische Mutationen, die diese Stummschaltung verstärkten. Dies deutet darauf hin, dass epigenetische Veränderungen die genetische Evolution vorantreiben können.
Die Debatte: Wie umfassend ist sie anwendbar?
Das Ausmaß des epigenetischen Einflusses auf die Evolution bleibt umstritten. Einige Biologen, wie Adrian Bird von der Universität Edinburgh, bleiben skeptisch und argumentieren, dass die Genome von Säugetieren möglicherweise nicht wesentlich durch Umweltfaktoren beeinflusst werden. Epigenetische Marker können während der frühen Embryonalentwicklung gelöscht werden, was das Bild noch komplizierter macht.
Andere, darunter Kevin Lala von der University of St. Andrews, behaupten jedoch, dass die epigenetische Vererbung im gesamten Leben weit verbreitet sei. Lala und Kollegen zitieren zahlreiche Studien, die diese Ansicht stützen. Die Meinungsverschiedenheit ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass sich das Gebiet in jüngster Zeit zu einem zentralen Schwerpunkt der Evolutionsforschung entwickelt hat.
„Epigenetische Vererbung ist ein sehr schnelllebiges Gebiet … große Ideen brauchen Zeit, um sie zu verarbeiten und zu bewerten.“ – Kevin Lala
Warum das wichtig ist
Das Verständnis der Epigenetik hat weitreichende Auswirkungen. Es stellt traditionelle Ansichten über Vererbung in Frage und legt nahe, dass Merkmale durch Mechanismen weitergegeben werden können, die über die DNA-Sequenz hinausgehen. Dies könnte die Medizin, die Landwirtschaft und unser Verständnis davon, wie sich das Leben an veränderte Bedingungen anpasst, revolutionieren.
Das Gebiet ist noch jung, aber die Beweise deuten darauf hin, dass die Epigenetik nicht nur ein weiteres biologisches Detail ist – sie ist eine grundlegende Kraft, die die Evolution des Lebens prägt.

























